Bücher machen weiser

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Momente für die Memoiren

Es geht nicht darum, dem Leben mehr Tage zu geben, sondern den Tagen mehr Leben.“

(Cicely Saunders)

Warum erinnern wir uns eigentlich an bestimmte Dinge?

Manche Tage, Wochen, Monate oder gar Jahre ziehen an uns vorbei. Und wir können uns an bestimmte Ereignisse oder Begegnungen kaum erinnern. Hingegen erinnern wir uns alle vermutlich an unseren ersten Kuss oder die erste Klassenfahrt (nach Horn Bad-Meinberg).

Wie kann man besonders schöne Momente im Leben schaffen, die für immer in Erinnerung bleiben?

Genau dieser Frage geht Meik Wiking vom „Happiness Research Institute“ in Kopenhagen nach. In seinem Buch Happy Moments – How to Create Experiences You’ll Remember for a Lifetime*, erschienen im Penguin Verlag, (DE: Die Kunst der guten Erinnerung: Und wie sie uns dauerhaft glücklicher macht*, erschienen im Lübbe Verlag) greift er zahlreiche Datensätze, Befragungen sowie Experimente auf. Wiking beschreibt in acht Kapiteln die Zutaten, um sich dauerhaft an schöne Moment zurückerinnern zu können:

  1. Harness the power of firsts (Etwas zum ersten Mal machen)
  2. Make it multisensory (Mit allen Sinnen erleben)
  3. Invest attention (Die volle Aufmerksamkeit schenken)
  4. Create meaningful moments (Momente von persönlicher Bedeutung schaffen)  
  5. Use the emotional highlighter pen (Emotionale Reaktionen wie einen Textmarker verwenden)
  6. Capture Peaks and Struggles (Meilensteine und die Herausforderungen sammeln)
  7. Use Stories to Stay Ahead of the Forgetting Curve (Geschichten erzählen gegen das Vergessen
  8. Outsource Memory (Erinnerungen aufzeichnen)

Schaue zurück und lächle nach vorn

Warum sollte man sich aktiv damit befassen, sich an schöne Momente zu erinnern? Nun, es gibt in der Glücksforschung die These, dass diejenigen Menschen zufriedener mit ihrem Leben sind, die dazu tendieren, positiv und nostalgisch zurückzublicken in die Vergangenheit. Das bedeutet, langfristig glücklich zu sein, kann davon abhängen, ob man in der Lage ist, seine eigene Lebensgeschichte mit einem positiven Narrativ zu besetzen.

Für den Autor Wiking sind Erinnerungen die Grundpfeiler unserer Identität. Sie seien Superkräfte, mit denen wir durch die Zeit reisen können und uns von der Gegenwart befreien. Sie prägen uns und beeinflussen, wie wir uns verhalten. Folglich wirken sich Erinnerungen auf unsere Stimmung aus und bestimmen somit auch unsere Zukunft. Das erinnert mich übrigens an den Titel eines X-Men Films: Zukunft ist Vergangenheit.

Die dicke Beule vorne im Leben

Schauen wir uns die erste Zutat „Harness the Power of Firsts“ (Etwas zum ersten Mal machen) einmal näher an.

Was ist Deine erste Kindheitserinnerung? Was ist Deine schönste Erinnerung? Was ist das Peinlichste, das Dir je passiert ist?

Oftmals erinnern wir uns an bestimmte Meilensteine im Leben: Die Einschulung, das Seepferdchen-Abzeichen, der erste Freund/die erste Freundin, die Führerscheinprüfung, die Abi-Feier oder der erste Job. Was diese Beispiele gemein haben, ist die Tatsache, dass man sie zum ersten Mal und nur einmal im Leben erlebt.  

Befragt man Senioren, an welche Dinge sie sich erinnern, so können sie sich in der Regel besser an Ereignisse erinnern, die während ihrer Jugend und im frühen Erwachsenenalter aufgetreten sind. Überträgt man dies auf eine Graphik, also die Zahl der Erinnerungen auf der senkrechten y-Achse und die Lebensjahre auf der waagerechten x-Achse, sieht man Folgendes:

Die Erinnerungslinie geht in den ersten drei Lebensdekaden steil nach oben und bildet einen Höhepunkt circa bei den 25er Jahren und fällt dann ungefähr ab dem 30. Lebensjahr deutlich ab. Man sieht sozusagen eine Beule im ersten Drittel des Lebens – deshalb wird das Phänomen auch als Reminiszenzbeule bezeichnet.

Warum ist das so? Hierzu gibt es zwei Theorien:

Zum einen ist die Kindheit, Jugendzeit bis hin zum jungen Erwachsenenalter eine Phase, die uns nachhaltig prägt. Unsere Selbstwahrnehmung und Identität entwickeln sich in dieser Zeit. Die resultierende Lebensnarrative erzählen wir uns und anderen immer wieder, sodass wir uns auch an Dinge aus dieser Zeit gut erinnern können. (Wie heißt Dein Klassenlehrer nochmal? Richtig!)

Die andere Theorie für die Reminiszenzbeule ist, dass man typischerweise in den ersten dreißig Lebensjahren verdammt viel Neues macht. Und neue bzw. außergewöhnliche Erfahrungen sind intensiver und hinterlassen tiefere Eindrücke.

Neues Erleben versus Altes Erleben

Es leuchtet also ein, dass Phasen im Leben ohne neue Aktivitäten, neue soziale Kontakte oder fremde Orte auch weniger zu erinnerungswürdigen Momenten führt. Neues wird von unserem Gedächtnis nachhaltiger festgehalten. Neues verfängt, Routine verflüchtigt sich. Möchte man sich also an schöne Momente gut erinnern können, sind neue Vorhaben ein Garant hierfür.  

Mit dem Wissen um die Zutaten für schöne Erinnerungen kann man gezielt prägende Momente planen. Meik Wiking hat hierzu eine schöne Testfrage, die man sich stellen soll, bevor man sich zum Beispiel für einen Ausflug entscheidet:

Werde ich mich in zehn Jahren daran noch erinnern?“

Denn es spielt eine Rolle, ob der Ausflugsort neu ist, mit wem man dorthin reist, wie man dort hinreist, ob man dort etwas Neues macht, ob man Fotos schießt und hinterher eine Geschichte dazu erzählen kann.

Collect moments not things

Vermutlich kann man die Reminiszenzbeule nicht ganz vermeiden, aber man kann sich bewusst vornehmen, auch die Lebensphasen jenseits der 30 stärker zu bereichern. Es geht natürlich nicht um materiellen Reichtum, sondern um Reichtum an schönen Momenten. Passenderweise fällt mir hier ein Buch ein, dass mir im Kindergarten vorgelesen wurde. Wir sollten uns vielleicht alle die Maus Frederick aus dem gleichnamigen Buch* (u.a. erschienen im Verlag Beltz & Gelberg) zum Vorbild nehmen. Sie sammelt nicht wie die anderen Mäuse Körner und Nüsse, sondern Sonnenstrahlen, Farben und Wörter.

Happy Moments – How to Create Experiences You’ll Remember for a Lifetime*

Die Kunst der guten Erinnerung: Und wie sie uns dauerhaft glücklicher macht*

Frederick*


Gamification – Wäre Dein Leben ein Spiel, hättest Du Bock, es zu zocken?

Kraft-Spiele

Neulich holte ich meinen alten GAME BOY Color aus dem Keller. Er lag in einem Karton zusammen mit ausgemusterten Handys, USB-Kabeln und einem Mini Disc Player. Beim Anschalten erschien zunächst das pixelige Nintendo Banner auf dem gelb-grünen Display. Dann ertönten die vertrauten Starttöne Di Dü. Nostalgie lag in der Luft. Auf einmal war ich wieder ein Kind im Jahr 1989. Konzentriert ordnete ich mittels Steuerkreuz und den Tasten A und B die herabschwebenden Tetris Blöcke an. Sobald ich vollständige Zeilen hatte, lösten sich diese magisch auf. Ich verlor völlig das Zeitgefühl. Je höher das erreichte Level, desto schneller fielen die Blöcke.

Leider verkeilten sich die unpassenden Blöcke und türmten sich allmählich auf. Zwar versuchte ich wieder Herr der Lage zu werden. Zu retten, was noch zu retten war. Doch schon bald war mein Bildschirm gefüllt mit sperrigen Formen, nichts passte mehr zusammen und das Spiel war verloren. Für den lächerlichen Score von 9.538 durfte ich dann meinen Namen eintragen. Mein Ehrgeiz war erwacht. In den kommenden Tagen holte ich den GAME BOY für ein paar Minuten immer wieder hervor und erspielte mir einen neuen Personal Record: 104.208! Und: Es fühlte sich gut an! Ich fühlte mich gut. Neue Kraft war getankt.

Warum hatte ich überhaupt den GAME BOY hervorgekramt? Nun, das lag an meiner Lektüre über Gamification bzw. Gamifizierung. Damit ist die Anwendung spieltypischer Elemente in anderen Lebensbereichen oder Kontexten gemeint. In ihrem Buch SUPERBETTER*, erschienen im Thorsons Verlag, führt Jane McGonigal durch die positiven Effekte und Prinzipien des Spielens. Und sie zeigt, wie man diese auf spielerische Art und Weise überführen kann in das echte Leben.

Denn Spiele können nachweislich dazu beitragen

  • Motivation und Willenskraft zu steigern
  • Schmerzen zu blockieren
  • Angst und Depressionen zu überwinden
  • besser zu lernen
  • mehr Bewegung anzuregen
  • post-traumatischem Stress vorzubeugen
  • die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, Fremden in Not zu helfen
  • stärkere und gesündere Beziehungen zu pflegen

Mit meinem kleinen Tetris Experiment konnte ich beispielsweise zwei Argumente aus dem Buch nachvollziehen:

1) Falls man gestresst ist, kann ein Spiel einem tatsächlich die Sorgen nehmen. Dank des immersiven Spielerlebnisses kann man gezielt auf andere Gedanken kommen bzw. seine negativen Gedanken ablegen. Sogar bei Schmerzpatienten wirken Videospiele nachweislich und sie „vergessen“ quasi ihre Schmerzen.

2) Das positive Gefühl, das man beim Spielen hat, kann sich auf das echte Leben übertragen. In anderen Worten: Wenn man als Mario die Prinzessin aus den Klauen von Bowser rettet oder wie ich bei erfolgreichem Tetris Score eine verpixelte Rakete abfeuert, dann kann dies Wissenschaftlern zufolge sowohl das eigene Selbstbewusstsein fördern als auch die Fähigkeit, Probleme zu lösen. Und zwar nicht nur in der (virtuellen) Spiele-Welt, sondern auch in der Realität.

Moment, aber was ist mit dem Klischee vom übergewichtigen Teenager, der tagelang im dunklen Zimmer vor dem flimmernden Bildschirm sitzt und Monster erschießt? Läuft man hier nicht Gefahr, einer Spielsucht zu verfallen? Nein, das ist damit nicht gemeint. Wenn man die oben genannten Vorzüge von Spielen im Kopf hat und weiß, warum man spielt, ist alles in Ordnung. Autorin McGonigal bezeichnet dies als Play with purpose, d.h. man spielt mit der Intention, sich zu verbessern bzw. für die positive Effekte und nicht, um sich zu betäuben, um vor der Realität zu flüchten.

Living gamefully – Das Leben als Spiel gestalten

Was haben Traumata mit Gamification zu tun? Jeder hat vermutlich schon einmal den Begriff Post-Traumatic Stress Disorder (abgekürzt: PTSD) gehört. Häufig treten diese psychischen Probleme in Form von Depressionen und Angstgefühlen auf nach traumatischen Erlebnissen, beispielsweise bei Kriegsveteranen oder Unfallopfern. Es gibt jedoch auch Personen, die sich gestärkter und zufriedener fühlen als vor dem einschneidenden Ereignis. In diesen Fällen spricht man von Post-Traumatic Growth (PTG). Anscheinend erfahren diese Menschen aufgrund der Trauma-Bewältigung eine Art persönliche Erleuchtung.

So lauten die fünf häufigsten Aussagen von Post-Traumatic Growth Personen

  1. Meine Prioritäten haben sich verschoben. Ich habe keine Scheu mehr, das zu tun, was mich glücklich macht.
  2. Ich habe eine engere Beziehung zu Freunden und Familie.
  3. Ich kenne mich selbst besser. Ich weiß, wer ich wirklich bin.
  4. Ich habe ein neues Verständnis davon, was meinem Leben einen Sinn gibt.
  5. Ich kann mich besser auf meine Ziele und Träume konzentrieren.

Autorin McGonigal bezeichnet diese fünf Merkmale als die positiven Vorzüge von PTG. Gleichzeitig weist sie aber auch darauf hin, dass es nicht zwangsläufig ein Entweder-oder zwischen PTSD und PTG gibt. Vielmehr handelt es sich um verschiedene Phasen, die man in der Trauma-Bewältigung erreichen kann. Wie sie weiter in ihrem Buch feststellt, bilden die positiven Aussagen der „Trauma-Survivors“ interessanterweise einen Kontrast zu dem, was Ottonormalbürger am Sterbebett äußern. Denn was bedauern Menschen am Ende ihres Lebens typischerweise am meisten? Die Australierin Bronnie Ware hat jahrelang in einem Hospiz gearbeitet und sich mit Kollegen aus der ganzen Welt ausgetauscht.

Dies sind die fünf häufigsten Dinge, die Sterbende bedauern

  1. Ich wünschte, ich hätte nicht so viel/hart gearbeitet.
  2. Ich wünschte, ich hätte mehr Kontakt zu meinen Freunden gehalten.
  3. Ich wünschte, ich hätte mir selbst erlaubt, glücklich zu sein.
  4. Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, mein wahres Selbst zum Ausdruck zu bringen.
  5. Ich wünschte, ich hätte ein Leben geführt, wie ich es mir erträumt hatte und nicht, wie andere es von mir erwartet haben.

Als ich die PTG-Aussagen las, fühlte ich mich in gewisser Weise ertappt und schlecht, weil ich sie für mich nicht voll umfänglich reklamieren konnte. Die zweite Liste mit den Bedauern hatte zusätzlich noch einen abschreckenden Effekt bei mir: Oh Gott, wie kann ich verhindern, dieselben Dinge zu bedauern? Ich muss etwas unternehmen…!

Gains without Pains – Grenzerfahrung ohne Trauma

Die brennende Frage, die sich mir ebenfalls stellte: Schön und gut, aber muss ich mich jetzt in einen tragischen Verkehrsunfall verwickeln, um die postiven Vorzüge von PTG zu erfahren? Erfreulicherweise gibt McGonigal auch direkt eine Antwort: Es ist möglich, die Vorzüge von PTG zu empfinden, und zwar ohne traumatisches Erlebnis. Man muss im Grunde ein traumatisches Erlebnis ersetzen durch eine nicht-schädigende, jedoch ähnlich extreme Erfahrung bzw. eine herausfordernde (neue) Aktivität im Leben.

Was dies sein kann, ist natürlich individuell zu entscheiden. Für die einen ist es ein Marathon-Lauf, ein Start-up zu gründen, ein Kind zu bekommen, mit dem Rauchen aufzuhören, ein Buch zu schreiben oder die Welt zu umsegeln. Wissenschaftler sprechen hier von Post-Ecstatic Growth (PEG). Anstatt darauf zu „warten“, dass ein traumatisches Ereignis das eigene Leben auf den Kopf stellt und auf PTG zu hoffen, geht man hin und kultiviert aktiv PEG. Wie man das macht? Indem man sich bewusst ein wichtiges Vorhaben vornimmt und es in die Tat umsetzt, was gleichzeitig stressig und herausfordernd ist. Hier schlägt McGonigal den Bogen zurück zum Thema Gamification / Gamifizierung.

The Game of Life – Die sieben Spielregeln für Gamification

Ihr zufolge gibt es sieben Prinzipien/Regeln, die zu PEG beitragen können. Und diese Prinzipien sind gewöhnlicherweise dieselben, wie wir sie beim Spielen wiederfinden:

  1. Fordere Dich. (Adopt a challenge mindset. Accept the challenge to play.)
  2. Sammle und aktiviere Trophäen. In anderen Worten: Tue Dinge, die Dir mental und physisch gut tun. Bei Mario Kart ist es der Stern, der einen unverwundbar macht. Ist die Zahl der positiven Gefühle am Tag größer im Verhältnis zu den negativen Gefühle, so sind wir resilienter und zugänglicher für positive Gefühle. Stichworte: Vagusnerv, Vagalton. (Collect and activate power-ups.)
  3. Finde und bekämpfe die Bösewichter. Übertragen auf das echte Leben sind das beispielsweise negative Hirngespinste oder die Schweinehunde. Stichwort: Psychological Flexibility. (Find and battle the bad guys.)
  4. Nimm Dir Aufgaben vor und absolviere diese. Die Idee ist hier, dass kleine Schritte zum Gesamtprozess besteuern. Man absolviert die verschiedenen Level und schreitet voran. (Seek out and complete quests.)
  5. Rekrutiere Verbündete. Man hat jemanden, mit dem man seine Erfahrungen teilen kann und erhält Hilfestellung. Stichwort hier ist auch „Accountability Partner“. (Recruit your allies.)
  6. Nimm eine geheime Identität an. Wenn man sich selbst als Held seines eigenen Lebens betrachtet, lernt man, seinen Fähigkeiten zu vertrauen und diese zu trainieren. (Adopt a secret identity.)
  7. Strebe nach einem epochalen Sieg. Man setzt sich mittel- oder langfristig ein Ziel, das messbar und herausfordernd ist. (Go for an epic win.)

Mithin ist McGonigal überzeugt: Man wird stärker, glücklicher, mutiger und resilienter, wenn man nach diesen sieben Spielregeln lebt. Um dies in die Praxis umzusetzen, spickt sie das Buch mit fast 100 Aufgaben für die Leser und widmet sich im dritten Hauptkapitel der Frage, wie man die großen Bereiche Beziehungen, Gesundheit und Zeit besser gestaltet.

Derweil bin ich weiter auf der Suche nach einem Tetris-Kontrahenten, der meinen Rekord schlägt.


SUPERBETTER – A Revolutionary Approach to Getting Stronger, Happier, Braver and More Resilient


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