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Dankbarkeit für ein besseres Leben

Lesedauer 3 Minuten

Dankbarkeit ist eine gute Medizin

Neulich sagte ein Freund zu mir: „Wenn man während der Pandemie im Home Office ist, kann man über zwei Dinge froh sein: Erstens, man hat ein Dach über dem Kopf und zweitens, man hat Arbeit.“ Ich pflichtete ihm bei. Sich immer wieder seiner Privilegien bzw. der positiven Dinge im eigenen Leben bewusst zu werden, kann dabei helfen, die Dinge in ein gesundes Verhältnis zu rücken.

Fehlt uns jegliche Wertschätzung und Dankbarkeit, sind wir weniger geschützt vor destruktiven Empfindungen und Gedanken wie Neid, Ärger, Stress, Gier und Bitterkeit. Dankbarkeit hilft uns, mehr Verständnis und Empathie anderen Menschen gegenüber aufzubringen sowie Freude für die positiven Dinge im Leben zu empfinden.

In seinem Buch Thanks! How Practicing Gratitude Can Make You Happier* (erschienen im Houghton Mifflin Verlag), dt Fassung: Vom Glück, dankbar zu sein.: Eine Anleitung für den Alltag* (erschienen im Campus Verlag) erläutert Dr. Robert A. Emmons, wie wir Dankbarkeit trainieren können und wie sich dies positiv auswirkt auf unsere Psyche, Gesundheit und zwischenmenschlichen Beziehungen. Dr. Emmons lehrt an der University of California und ist Chefredakteur des Journal of Positive Psychology.

Was bedeutet Dankbarkeit?

Wikipedia sagt: Dankbarkeit ist ein positives Gefühl oder eine Haltung in Anerkennung einer materiellen oder immateriellen Zuwendung, die man erhalten hat oder erhalten wird. Man kann dem Göttlichen, den Menschen oder sogar dem Sein gegenüber dankbar sein, oder allen zugleich.

Das englische Wort für Dankbarkeit lautet Gratitude, abgeleitet aus dem Lateinischen (gratus = dankbar, angenehm, anmutig, erwünscht, willkommen). Für das Verständnis von Gratitude sind laut Dr. Emmons zwei Aspekte wichtig:

1. Das Positive im Leben anerkennen (Acknowledging)

Man bestätigt, dass es sich insgesamt lohnt, zu leben. Dass das uns Gegebene einen Wert hat und uns befriedigt.

2. Realisieren, dass wir Positives nicht immer uns selbst zu verdanken haben (Recognizing)

Dankbarkeit ist somit nicht nur ein positives Gefühl, sondern die Bereitschaft, anzuerkennen, dass

  • man ein Nutznießer der Güte anderer ist
  • der/die Wohltäter bewusst etwas angedient hat/haben, oftmals unter persönlichem Aufwand
  • das Angediente für den Nutznießer von Wert ist

Dankbarkeit bedeutet auch, bescheiden zu sein. Zu realisieren, dass wir ohne die Hilfe oder Unterstützung anderer Menschen nicht so weit gekommen wären im Leben bzw. dass wir nicht das Leben führen könnten, wie wir es tun. In anderen Worten: Dankbar sein ist ein Dreiklang aus realisieren, anerkennen und wertschätzen.   

Gratitude is an Attitude – Dankbarkeit ist eine Haltung

Dankbar zu sein ist eine Lebenseinstellung. Wir können uns aktiv dafür entscheiden. Dies hängt nicht von den tatsächlichen Lebensumständen ab, wie gesund, wie reich wir sind oder wie viele Freunde wir haben. Wir bestimmen, welche positiven Aspekte unseres Lebens wir bewusst anerkennen wollen anstatt negativen Aspekten anzuhängen. Indem wir wertschätzen, welche Geschenke uns das Leben bereitet, befreien wir uns beispielsweise von Bedauern über die Vergangenheit, Sorgen um die Zukunft und Neid darüber, was andere haben oder Enttäuschung darüber, wer wir nicht sind. Dankbarkeit macht das Leben nicht perfekt, aber sie erinnert uns an das Gute im Leben. Dies ist nicht immer einfach und erfordert Arbeit.  

Wie glücklich wir sind, hängt von drei wesentlichen Faktoren ab: Zu

  • 50 % von unserer Prädisposition (Set-Point)
  • 40 % von unseren Handlungen (Intentional Activity)
  • 10 % von äußeren Umständen (Circumstances)

Die Untersuchungen von Dr. Emmons haben gezeigt, dass man durch die regelmäßige Praxis, Dankbar zu sein, den Happiness Set-Point um 25 % steigern kann.   

Dankbarkeit kann man trainieren

Dr. Emmons präsentiert am Ende des Buches zehn Übungen, die erwiesenermaßen dabei helfen, mehr Dankbarkeit zu empfinden. Der Effekt der Übungen verstärkt sich gegenseitig. Hier eine kurze Auswahl:

1. Führe ein Dankbarkeits-Tagebuch

Reflektiere und notiere täglich die Dinge, für die Du dankbar bist (z.B. Interaktionen, Erlebnisse, Geschenke, Komplimente, etc.). Diese Einträge können auch super kurz sein.   

2. An schlechte Zeiten denken

Erinnern wir uns an Zeiten und Situationen zurück, in denen es uns nicht gut ging oder wir es besonders schwer hatten. Vergleichen wir dies nun mit unserer jetzigen Situation, führen wir uns einen Kontrast vor Augen, der uns hilft, dankbarer zu sein.  

3. Naikan (Looking Inside) – Stelle Dir 3 Fragen

Bei der buddhistischen Meditationstechnik von Yoshimoto Ishina soll man sich täglich diese drei Fragen stellen:

1. Was habe ich von wem erhalten? (gifts received)

2. Wem habe ich was gegeben? (what we give to others)

3. Habe ich jemandem Schwierigkeiten und Probleme bereitet? (source of others’

suffering)

In einem Brief an seine Eltern schrieb der Theologe Dietrich Bonhoeffer 1943 diese Zeilen: „Im normalen Leben wird einem oft gar nicht bewusst, dass der Mensch überhaupt unendlich mehr viel mehr empfängt, als er gibt, und dass Dankbarkeit das Leben erst reich macht.“

Du kannst froh sein, dass…“ und „Du kannst von Glück reden, dass…“. Dies sind mahnende Aussprüche, die wir oft hören, wenn Freunde oder Familie uns daran erinnern, wie gut wir es eigentlich haben. Wir sollten uns vornehmen, uns aktiv selbst daran zu erinnern.  

Wofür / Wem bist Du heute dankbar?

Thanks! How Practicing Gratitude Can Make You Happier*

Vom Glück, dankbar zu sein.: Eine Anleitung für den Alltag*


Von Nazis, Konfuzius und einer Schildkröte – Tipps für Gipfelstürmer

Lesedauer 4 Minuten

Innovation ist überbewertet

Du hast ein Ziel. Das Unternehmen hat ein Ziel. Du willst Dich neu erfinden. Die Firma braucht einen Wandel. „Innovation“ ist das inflationär verwendete Wort. Oftmals ist der Wunsch nach Innovation verbunden mit radikalem Wandel. Das Ruder muss herumgerissen werden. Wir brauchen einen „Game Changer“, und zwar schnell. Viel reinbuttern, um innerhalb kürzester Zeit die erwünschten Resultate zu erzielen. Das Entlassen eines Großteils der Belegschaft tut zwar weh, aber es dient dem Ziel. Wir müssen jetzt extrem viel investieren, damit es sich auch auszahlt. Eine solche Strategie des radikalen Wandels, der Innovation, kann gelingen. Sie kann auch scheitern. Die Fallhöhe ist entsprechend hoch und schmerzhaft.

No pain but gain? Die gute Aussicht genießen ohne abzustürzen

Robert Maurer zeigt in seinem kleinen Büchlein „The Kaizen Way“ (Verlag Workman Publishing, deutsche Fassung erschienen im FinanzBuch Verlag) auf, dass es eine Alternative gibt. Man muss den Berg nicht an seiner steilen Seite erklimmen (und sich verausgaben oder gar abstürzen). Der Autor betont also, dass der radikale nicht der einzige Weg ist. Man kann stattdessen einen Pfad wählen, bei dem man gemütlich den Berg hinaufspaziert und den Gipfel erreicht. Das weiß auch die Schildkröte (doch dazu später mehr).

Der Psychologe Maurer hat als Associate Clinical Professor an der UCLA School of Medicine und Unternehmensberater zahlreichen Ärzten, Patienten und Firmen geholfen, das Kaizen-Prinzip erfolgreich anzuwenden. Doch wer oder was ist Kaizen?

Kaizen: US-Export, Japan-Import

Die Idee, dass man sich eine größere Aufgabe portionsweise vornimmt, um sie zu bewältigen, ist nicht neu. Schon Konfuzius wusste vor mehr als 2.500 Jahren: Auch eine Reise von 1.000 Meilen beginnt mit einem einzigen Schritt. Aber die systematische Anwendung dieses Prinzips in der Moderne geht zurück auf den Amerikaner Dr. W. Edwards Deming. 1940: Die Nazis besetzen Frankreich. Während des Zweiten Weltkrieges musste die US-Produktion militärischer Ausrüstung dringend um ein Vielfaches hochgefahren werden, um den Alliierten beizustehen. Doch die USA waren noch gezeichnet durch die Weltwirtschaftskrise. Erschwerend hinzu kam, dass qualifiziertes Personal in den Produktionsstätten fehlte, weil es zum Militär eingezogen wurde.

Als Lösung ließ die US-Regierung sogenannte „Training Within Industries“ (TWI) Managementkurse entwickeln. Einer dieser Kurse vermittelte den Ansatz der kontinuierlichen Verbesserung durch kleine Einzelmaßnahmen. („Look for hundreds of small things you can improve. / There is no time for major items.“) Größere Posten sollte man vernachlässigen und stattdessen sich konzentrieren auf vorhandene Dinge, die man verbessern konnte. Dr. Deming wies Führungskräfte an, jeden einzelnen Mitarbeiter auf jeder Ebene einzubinden, um Arbeitsabläufe zu optimieren. Mit diesem Ansatz der kleinen Schritte konnten die Produktionskapazitäten rasant beschleunigt werden.

Nach der Niederlage Japans im Zweiten Weltkrieg begann die US-Besatzung unter General Douglas MacArthur den Wiederaufbau des Landes. Um die Management-Skills und Arbeitsmoral in Japan war es schlecht bestellt. Die TWI-Experten wurden auf Geheiß von MacArthur nach Japan entsandt, um die japanischen Manager fit zu machen. Auch Dr. Deming reiste in den 50er Jahren nach Japan, um seine methodischen Ansätze zu vermitteln. Dies hat die japanische Business culture so sehr geprägt, dass die Japaner dieser Lebens- und Arbeitsphilosophie einen eigenen Namen gaben: Kaizen 改善 (kai „Veränderung, Wandel“, zen „zum Besseren“).

Ein Blick in die Kaizen-Werkzeugkiste: Bohren mit kleinen Fragen!

Zu den effektivsten Kaizen Techniken zählen kleine Fragen. Sie schaffen ein mentales Umfeld, in dem man der Kreativität ungeniert freien Lauf lassen kann ohne sich dem Druck, der Bedenken oder Sonstigem auszusetzen.

Maurer schildert in seinem Buch u.a. einen Fall, in dem eine Führungskraft ihr Team regelrecht anblaffte mit der Frage, WAS jeder Einzelne für die Firma zusätzlich beitragen könne, damit sie führend in der Industrie werden könne. Doch anstatt die erwünschten Vorschläge zu erhalten, herrschte überwiegend nur Schweigen. Die global galaktisch formulierte Frage, verbunden mit der fordernden Tonalität, erzeugte nur lediglich Druck, Überforderung und eine Schockstarre unter der Belegschaft. Daraufhin empfahl Maurer der Führungskraft, die Frage in einem gemäßigterem Ton vorzubringen und sie weniger „bedrohlich“ zu formulieren: „Fällt Euch irgendeine noch so kleine Maßnahme ein, die unsere Arbeitsabläufe oder unser Produkt verbessern könnte?“ Zum Erstaunen der Führungskraft machte dies einen entscheidenen Unterschied. Die Mitarbeiter lieferten kleine Verbesserungsvorschläge, die unmittelbar umgesetzt wurden. Dies hob die Produktivität und Arbeitsmoral auf die nächste Ebene.

Durch wiederholtes Fragen können wir unser Gehirn (im sog. Hippocampus) entsprechend programmieren, sodass es ständig damit beschäftigt ist, Antworten auf diese Fragen zu erzeugen. Hier gibt es jedoch eine Einschränkung: Wenn die Frage in uns Angst erzeugt, wird der „Fight or Flight“-Modus in der Gehirn-Mitte (sog. „Amygdala“ – altgriechisch ἀμυγδάλη, Mandel) aktiviert. Dieser Alarm-Modus stoppt unsere Kreativität und analytisches Denken.

Um die ängstliche Amygdala nicht aufzuschrecken, sollte man daher am besten Fragen à la Kaizen stellen, d.h. kleine Fragen stellen, die verdaulich sind und nicht zu fordernd. (Ein Grund dafür, warum Quizspiele und Kreuzworträtsel Spaß machen!) Typische Kaizen-Fragen beginnen daher mit: „Was kann ich mit geringstem Aufwand (sofort) tun, um …“ oder „Welchen kleinen Schritt kann ich unternehmen, um …“.

Die Merkregel von Maurer lautet daher: „Shhh… Don´t Wake the Amygdala!“
Also am besten nimmt man den kleinsten Fragen-Bohraufsatz, um das Vorhaben anzugehen.

Die Schildkröte kommt immer ans Ziel

Meine kleine Tochter mag das Bilderbuch „Der schnelle Hase und die langsame Schildkröte“ (nach einer Fabel von Äsop, Orrell Füssli Verlag). Der Hase legt während des Wettrennens zwischenzeitlich eine Pause ein, weil er sich angesichts seines Vorsprungs siegessicher ist. An der Stelle sagt sie dann immer: „Papa, der Hase geht ins Bett.“ Und ich sage: „Ja, der schläft am Baum ein.“ Und wenn die Schildkröte ganz langsam an ihm vorbeizieht, ist meine Tochter ganz entzückt. Wir sind natürlich Team Schildkröte. (Der Hase ist aber auch echt arrogant.)

Halten wir fest: Um etwas zu verbessern oder einen Wandel herbeizuführen, stehen uns grundsätzlich zwei Strategie-Ansätze zur Verfügung – Kaizen oder Innovation. Während Innovation von uns oftmals einschneidende und radikale Veränderungen abverlangt, führt Kaizen uns mit kleinen, sanften Schritten und Fragen in die gewünschte Richtung (auf den Gipfel).

The Kaizen Way

Der Weg des Kaizen


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