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Horst gab nicht auf

Letzte Woche feierte Kinderbuchautor und Illustrator Janosch seinen 90. Geburtstag. Ein Zeitungsartikel titelte: „Der Übermut der Unterschätzten“. In der Tat wurde Horst Eckert unterschätzt, so heißt Janosch mit bürgerlichem Namen. Denn er wurde wegen mangelnder Begabung von der Akademie für Bildende Künste in München verwiesen.

Wer hätte bei dieser Ausgangslage damit gerechnet, dass der verstoßene Janosch später millionenfach Kinderbücher in 40 Sprachen verkaufen würde?

Gut für Janosch (und für Generationen von Kindern), dass er sich dem Urteil der Lehrenden offensichtlich nicht angeschlossen hat und an sich selbst geglaubt hat. Interessant ist auch die Tatsache, dass ihm der Durchbruch erst spät mit 47 Jahren gelang, mit der Veröffentlichung des Buches „Oh, wie schön ist Panama*“.

Menschen ändern sich nie

Nein, dies ist keine Kinderbuchempfehlung (aber an alle Groß-Eltern/Tanten/Onkel): Es ist ein wunderschönes Kinderbuch!). Es geht um die Frage, wann wir unser volles Potenzial ausschöpfen. Welche Rolle spielt hierbei das eigene Selbstbild? Eltern, Lehrer und Freunde, Vorgesetzte oder andere Autoritätspersonen haben einen erheblichen Einfluss darauf, wie wir uns selbst sehen. Wie wir mit diesen Urteilen über unsere Person umgehen oder wie wir selbst über unsere Fehler und Rückschläge denken, all das bestimmt unser Selbstbild. Dieses ist maßgeblich dafür verantwortlich, ob wir die Dinge als unumstößlich betrachten oder ob wir positiven Wandel für möglich halten.

Dr. Carol Dweck, eine der weltweit führenden Expertinnen für Motivations- und Entwicklungspsychologie beleuchtet in ihrem Buch „mindset – Changing the way you think to fulfil your potential*“ (Dt. Fassung: Selbstbild: Wie unser Denken Erfolge und Niederlagen bewirkt*) das Thema Selbstbild. Die Autorin hat u.a. als Professorin für Psychologie an der Columbia University und Stanford University gelehrt. Ihr Buch (erschienen in den Verlagen Robinson und Piper) liegt inzwischen in der 11. Auflage vor und wurde über 1 Million Mal verkauft. Dr. Dweck beschreibt in ihrem Buch zwei „Glaubens“-Typen bzw. zwei geistige Haltungen, die je nach individueller Prägung dominieren:  

  • Growth Mindset (GM)
  • Fixed Mindset (FM)

Der GM basiert auf der Vorstellung, dass man grundlegende Eigenschaften durch drei Dinge kultivieren kann:

  • Anstrengung (hard work)
  • (neue) Strategien (trying new strategies)
  • Unterstützung durch andere (seeking help/input from others)

Menschen mit einem FM sind hingegen davon überzeugt, dass grundlegende Eigenschaften wie Intelligenz und Persönlichkeit von vorne herein in Stein gemeißelt sind und dass sich daran nicht rütteln lässt.

Um dies zu verdeutlichen, soll der Leser folgendes Gedankenspiel unternehmen:

Man soll sich in einen jungen Menschen versetzen, der einen richtig schlechten Tag erlebt. Zunächst erhält derjenige eine schlechte Benotung vom Dozenten. Anschließend kassiert er noch einen Strafzettel. Frustriert ruft er seinen besten Freund an, der ihn jedoch kurzerhand absägt.

Wie würdet Ihr Euch in der Situation fühlen – welche Gedanken kämen Euch in den Kopf?

Eine Person A mit einem FM würde vermutlich denken: „Ich bin so ein Versager.“ „Wieso erwischt es gerade mich?“ „Ich bin ein Idiot.“ „Die Welt ist gegen mich.“ und sich für den Rest des Tages im Bett verkriechen.

Eine Person B mit einem GM in derselben Situation würde denken: „Ich muss mich noch mehr anstrengen in dem Kurs.“ „Ich überweise schnell das Geld für den Strafzettel.“ „Ich melde mich später bei meinem Freund und frage, was da los war.“

Im Ring(en) um sich selbst – Don’t beat yourself up

Der entscheidende Unterschied ist also, dass Person B die Dinge objektiv(er) betrachtet, sich nicht selbst über Gebühr (negativ) aburteilt und diese Erfahrungen als Lektionen für’s Leben betrachtet. Person A nimmt es hin. Person B nimmt es sportlich.

Carol Dweck widmet sich in vier Hauptkapiteln ausführlich den Bereichen Sport, Beruf, Beziehungen sowie Erziehung. Sie veranschaulicht anhand von vielen Praxisbeispielen, auf welche Weise die Denkmuster der beiden Geisteshaltungen greifen. Dabei ist es bemerkenswert zu sehen, wie verheerend sich ein FM und wie konstruktiv sich ein GM auf die persönliche Weiterentwicklung, Arbeitsleistung (sogar die ganzer Firmen) oder auf die Charakterbildung von Kindern auswirken kann. Besonders bei der Art und Weise, wie man Kinder lobt gilt es, so einiges zu beachten. Es ist nämlich besser, ein Kind für seine Bemühungen, seinen Lernfortschritt und Experimentierfreudigkeit zu loben (GM) als nur festzustellen, wie clever es ist oder wie gut es etwas gemacht hat (FM).   

Den inneren Schalter umlegen – Von Fixed auf Growth

Wenn man nun bei sich selbst den Hang zu einem FM erkannt hat und stattdessen einen GM als Idealbild anstrebt, gelingt dies nicht über Nacht. Eine bloße Ankündigung bzw. das bloße Vorhaben, so Dweck, reiche hier nicht aus. Es sei vielmehr ein längerer Prozess, bei dem man ständig mit sich selbst ringt. Es gilt, sich selbst zu beobachten und beim inneren Monolog den Schalter umzulegen, von dem urteilenden Selbst auf ein wachstumsorientiertes Selbst. Um einen GM zu fördern, kann man sich täglich auf’s Neue solche Fragen stellen:

  • Was habe ich heute gelernt?
  • Welche Fehler haben mich heute etwas gelehrt?
  • Was werde ich beim nächsten Mal anders machen?
  • Was habe ich mir angeeignet, was ich gestern noch nicht wusste oder konnte?   

In der Filmkomödie „Und täglich grüßt das Murmeltier*“ (EN: Groundhog Day*) kann man auf sehr unterhaltsame Weise dem Wettermann Phil Connors (gespielt von Bill Murray) zuschauen, wie er eine Persönlichkeitsentwicklung durchmacht, weg vom FM hin zu GM.

Dieses Diagramm von Nigel Holmes veranschaulicht den FM und den GM:

https://bfy.tw/QXZT („Google-Suche bestätigen“ klicken)

Janosch und seine Figuren verkörpern für mich ganz eindeutig einen Growth Mindset. Die angebliche mangelnde Begabung hat Janosch nicht davon abgebracht, seine Figuren auf ihre Reise zu schicken. Denn der kleine Tiger und der kleine Bär bleiben schließlich auch nicht gleich zu Hause. Nein, sie machten sich auf den Weg nach Panama.

mindset – Changing the way you think to fulfil your potential

Selbstbild: Wie unser Denken Erfolge und Niederlagen bewirkt

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